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Essenz von Heimat

Wiede-Fabrik Johanneskirchen

Dorf in der Stadt, Paralleluniversum, Künstlerkolonie - in der alten Wiede-Fabrik in Johanneskirchen ticken die Uhren anders.


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Stadtteil Wiede-Fabrik Johanneskirchen, München vergrößern

Malerin Anja Bonata und "SZ"-Illustrator Carl Heinz Daxl lieben ihr Boheme- Leben im alten Gaswerk.


Carl Heinz Daxl in seinen eigenen Worten: "1959 geboren, Vaters Ölbilder mit Kugelschreibern bekritzelt, erst Ärger, dann eigenen Malkasten bekommen - später Maler und Illustrator geworden. Dazwischen Kind, Heizungsbauer, Offizier und Pilot gewesen. Design studiert, eigene Werbeagentur gegründet, jetzt endlich nur noch Maler und Illustrator." Er grinst. Ausstellungen auf der halben Welt und regelmäßige Illustrationen im Wirtschaftsteil der "Süddeutschen Zeitung". Mitten in seinem lichtdurchfluteten Atelier, das mal ein Lagerhaus war, steht eine Wanne, die er füllt, wenn er farbverschmiert aus dem kleinen Arbeitsraum nebenan kommt. "Da sieht's nicht so sauber aus wie hier", sagt er. Und längst nicht so poppig: Hirschgeweih in der Ecke, Propellerflugzeug an der Decke, aufblasbarer Killerfisch an der Wand, Miniskelett auf dem Sicherungskasten, Plastikfigürchen in Setzkästen, Feuer speiender Drache vorm Fenster - ein Mann der Gegensätze. Wie seine Gemälde: grellbunte Großkaliber mit hinterfotzigem Humor und ernsten Aussagen. Seinen Einzug in die alte Wiede-Fabrik bezeichnet er als "die beste Entscheidung meines Lebens", das Leben hier als "Essenz von Heimat". "Mich müsste man hier raustragen - ich geh hier nicht mehr weg!"


Stadtteil Wiede-Fabrik Johanneskirchen, MünchenRüber zu Claudia Grögler, einer Kollegin. Der Innenhof: zeitlos. Eigenwillig. Märchenhaft. An der Hausmauer lehnt eine alte Gasflasche, vor tonnenschweren Eisenzahnrädern blühen zarte Rosen. Über allem thronen seit 80 Jahren die Türme des alten Gaswerks. Ein paar Jahre waren sie unbewohnt, bis sich neues Leben entfaltete. Claudia Grögler war 1992 die Erste, die in die Fabrik zog und sich in einem der Türme ihr Atelier einrichtete. Zwei Stahlkessel dominieren ihr Reich, in denen von 1928 bis 1985 Acetylen gespeichert wurde, ein ungiftiges Gas, das zusammen mit Sauerstoff zum Schweißen verwendet wird. Das Schweißen wich dem Malen, aber der industrielle Charakter blieb erhalten - Kupferrohre, Drehräder, Geräte und Bottiche erzählen Geschichten aus vergangenen Zeiten. Die studierte Innenarchitektin renovierte - wie alle hier - auf eigene Kosten und beschränkte sich fortan auf die Kunst. "Ich male nur Menschen", sagt sie, und ihre reduzierten, aufs Wesentliche konzentrierten Porträts unterstreichen, um was es hier geht: Menschen, Kunst und ihr Zusammenleben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Andreas Wiede-Kurz die Künstler für die Wiede-Fabrik aussucht.


 
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