"Mich gibt es nicht"
Ein Gespräch mit ... Reinhold Messner
Er gilt als bester Bergsteiger der Welt und teilt seine Erfahrungen gerne mit. Im PRINZ-Interview spricht Reinhold Messner über seine Probleme mit Facebook, Preise im Glockenbachviertel und Meditieren in einer Höhle.
In Ihrem neuen Buch "Pol" kritisieren Sie die globale Vernetzung ...
Damit wir uns nicht gleich falsch verstehen: Ich wehre mich nicht grundsätzlich gegen Technologie. Schlimm finde ich, wenn Menschen als fiktive Figuren miteinander kommunizieren, beispielsweise auf Facebook. Sie sind nur virtuell, existieren so nicht, haben aber trotzdem emotionale Beziehungen, teils sogar Liebesgeschichten.
Ich glaube, ich habe schon ganz gut verstanden, wie Sie es meinen ...
Ich frage mich wirklich, was da mit den Menschen passiert. Wenn ich einen guten Freund treffe, brauche ich immer noch eine Flasche Wein, ein schönes Abendessen und eine halbe Nacht fürs Gespräch. Ich tu mich schon schwer, auf Dauer nur eine Telefonverbindung zu halten - das wird schnell kalt und steril.
Früher waren Sie doch monatelang auf Expeditionen. Spüren Sie kein Bedürfnis mehr, sich komplett auszuklinken?
Ich habe mir das Privileg geschaffen, nur für meine Familie und mein Büro erreichbar zu sein. Ich halte meine Termine ein, aber sonst gibt es mich nicht. Da bin ich frei zum Schreiben, Denken, Planen. Aber Sie haben schon recht: So extreme Auszeiten wie früher, als ich ein halbes Jahr unerreichbar in der Antarktis unterwegs war, gibt es nicht mehr. Ich mache noch kleinere, etwa zweiwöchige Expeditionen, möchte mich künftig aber auch wieder für länger zurückziehen, am liebsten in eine Höhle.
Ach, ein Traum von Ihnen?
Ja, inspiriert von meinem Lieblingsphilosophen Milarepa, der das vor tausend Jahren getan hat. Meine Kinder glauben, dass ich das nicht mehr kann. Aber wenn ich mich irgendwann aus dem Arbeitsleben ausklinke, nur noch daheim sitze und womöglich doch noch anfange, herumzutelefonieren, gehe ich lieber in eine Höhle und meditiere.
München war lange Ihr Zweitwohnsitz. Haben Sie hier noch eine Wohnung?
Ich wäre ja dumm, in diesem Moment eine Wohnung zu verkaufen - vor allem mit italienischem Hauptwohnsitz und italienischen Verhältnissen.
Gibt es einen Lieblingsort in München?
Den Viktualienmarkt, da wohne ich um die Ecke, in der Klenzestraße. Das Viertel hat sich aber stark verändert. Eigentlich ist es heute das, was früher Schwabing war, und die Preise gehen immer weiter in die Höhe. Aber das interessiert mich nicht. Mir ist es egal, ob die Wohnung einen oder eine Million Euro wert ist. Für mich bleibt München eine Brücke in die Welt, mein Sprungbrett. Deswegen habe ich auch nichts gegen eine dritte Landebahn einzuwenden!
Und wie sieht's mit der Kletteranlage in Thalkirchen aus?
Ob ich dagegen bin? Im Gegenteil: Klettern in der Halle finde ich großartig, das ist ein Sport wie jeder andere, wie Turnen oder Tanzen. Ich habe mir lange gewünscht, dass ihn Jung und Alt betreiben können. Klettersport hat aber nichts mit Bergsteigen tun. Bevor jemand ins Gebirge geht, muss ihm klar sein: Das Gebirge ist Natur, die Natur ist alle Tage neu, sie ist kreativ. Und der echte Berg ist gefährlich!
Was Sie ja oft selbst erlebt haben. Spannend, dass sie nun in "Pol" aus Sicht eines Verlierers schreiben - wo Sie doch als Sieger gelten ...
Ja, leider! Denn auch ich bin gescheitert, allein an den Achttausendern viele Male. Aber das nimmt niemand wahr.
Das Gespräch führte Tina Rausch
Reinhold Messner erklomm alle 14 Achttausender und durchquerte Arktis sowie Antarktis. In Büchern, Vorträgen und Seminaren berichtet er von seinen Erlebnissen, 2006 eröffnete er das Messner Mountain Museum in seiner Heimat Südtirol. Sein neues Buch "Pol" (Malik) erzählt die Eroberung beider Pole aus der Sicht Hjalmar Johansens, eines Verlierers. Der 67-Jährige lebt mit Familie in Meran und auf einer Burg im Juval. Seine Wohnung im Glockenbachviertel war jahrelang sein Zweitwohnsitz, heute ist für ihn München das "Sprungbrett in die Welt". reinhold-messner.de






