"Meine eigenen Bücher zu verschenken finde ich peinlich"
Ein Gespräch mit ... Antje Kunstmann
Seit 35 Jahren macht Antje Kunstmann in München erfolgreich Bücher. PRINZ sprach mit Deutschlands größter Kleinverlegerin über 10-jährige Leser, ihren Coup mit Philipp Lahm und sinnvolle Weihnachtsgeschenke.
Frau Kunstmann, Ihr Autor Kristof Magnusson erwartet von seiner Verlegerin das Gleiche wie von der New Yorker Polizei: Professionalität, Engagement, Leidenschaft und Schutz. Was braucht es noch zum Büchermachen?
Leidenschaft und Engagement sind das eine, doch aus Verlegersicht geht es auch darum, die Bücher möglichst gut zu platzieren und zu verkaufen, also um Öffentlichkeit, Vertrieb und Marketing.
Bücher zu verkaufen gelingt Ihnen ganz hervorragend - in einem bemerkenswert breiten Spektrum. Was ist der rote Faden in Ihrem Programm?
Die Literatur und das politische Sachbuch. Alles drum herum sind besondere Bücher, die uns gefallen und Aufmerksamkeit erregen, so wie das Bilderbuch "Ente, Tod und Tulpe" von Wolf Erlbruch, das für Kinder und für Erwachsene ist. Vielleicht ist genau das das Lebendige an dem Verlag: dass man hier immer wieder etwas Besonderes findet.
Wie Philipp Lahms Autobiografie, Ihr jüngster Coup. Wie kam es dazu?
Warum sich Lahm für uns entschieden hat, müssten Sie ihn natürlich selbst fragen. Der Kontakt kam über seinen Berater zustande, ein Fan unserer Autoren Tim Parks und Axel Hacke. Ich denke, dass sich Lahm einen Verlag gewünscht hat, bei dem sein Buch nicht eines unter vielen ist. Bei uns geht es persönlicher zu als in einem Riesenverlag, wir haben ein übersichtliches Programm, in dem Lahm herausgehoben ist. Und da man ihn bei uns nicht erwartet hat, wird das Buch besonders wahrgenommen.
Zu Weihnachten werden da noch einige Exemplare über die Ladentheke gehen!
Ja, und wissen Sie, was mich am meisten freut und überrascht: dass dieses Buch sogar Jungs ab zehn Jahren fasziniert - also in einem Alter, in dem man sie anders als Mädchen kaum zum Lesen bringt. Die verschlingen das.
Wünschen Sie sich selbst noch Bücher?
Ich freu mich, wenn ich welche bekomme, wünsche sie mir aber eher nicht. Was ich lesen will, besorge ich mir meist selbst.
Verschenken Sie welche?
Natürlich, aber kaum aus dem eigenen Verlag, das finde ich etwas einfallslos und auch peinlich. Schließlich kommt es bei einem Geschenk darauf an, den jeweiligen Geschmack zu treffen! Und meine Freundinnen und Freunde kennen unsere Bücher meistens schon.
Bei uns muss es Ihnen nicht peinlich sein: Ihr Geschenktipp aus dem Verlag Antje Kunstmann?
Fans amerikanischer Polizeiserien empfehle ich "Homicide" von David Simon. Auf dieser literarischen Reportage basiert die Kult-Fernsehserie "The Wire": True Crime aus Baltimore, spannender als jeder Krimi und doch nichts anderes als die Realität. Wer einmal angefangen hat, kommt aus diesem Buch nicht mehr raus, bis er die 800 Seiten durch hat. Danach ist man bereichert, man weiß mehr über die Welt.
Und würden Sie "Warum Sie diesmal wirklich keine Weihnachtsgeschenke kaufen sollten" verschenken?
Auf jeden Fall - schon allein wegen des guten Titels! Zudem ist es hochinteressant: Der Ökonom Joel Waldfogel erklärt, warum man Wert vernichtet, wenn man Dinge verschenkt, die der andere nicht braucht und daher wieder loswerden will. Das kennt jeder. Er gibt Tipps, wie man diese Falle vermeidet. Sie können dieses Buch verschenken, mit einem Gutschein zum Beispiel!
Das Gespräch führte Tina Rausch
In Antje Kunstmanns "vorzüglichem Verlag" (so Marcel Reich-Ranicki) erscheinen rund 30 Titel pro Jahr - von Literatur über Krimis, Biografien, Sachbücher bis hin zu Geschenk- und Hörbüchern. 1976 von Kunstmann gegründet und seit 1990 nach ihr benannt, agiert der in Schwabing ansässige Verlag bis heute unter ihrer Leitung unabhängig. 2006 kürte der "BuchMarkt" Kunstmann zur Verlegerin des Jahres, 2009 erhielt sie die Medaille "München leuchtet" in Silber. Mit Lahms Autobiografie gelang ihr nun sogar Platz eins auf der "Spiegel"- Bestsellerliste Sachbuch. kunstmann.de






