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Chaotisch, schön und wild

Istanbul

Istanbul ist ein einziger Widerspruch. Uralt und traditionsversessen, modern und voller junger Menschen. Im Szeneviertel Beyoglu ist das hautnah zu erleben.


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IstanbulAileen Tiedemann vergrößern

Eine der besten Ansichten von Instanbul hat man vom Dach des Hotels "The Marmara Pera". Von hier aus blickt man bis zur Blauen Moschee und der Hagia Sofia.


Um 22.30 Uhr hat der Muezzin das letzte Mal zum Gebet gerufen, jetzt erfüllen The Chemical Brothers die Nacht. Von einer Dachterrasse wabern die Bässe von "Galvanize" hinauf zum Hotelzimmer im 17. Stock des "The Marmara Pera" (Mesrutiyet Caddesi). Von hier aus sind die zuckenden Lichter der vielen Nachtclubs zu sehen, dahinter die golden leuchtenden Kuppeln der Moscheen auf der anderen Seite des Goldenen Horns. Am Morgen grüßt das gleiche Panorama, wenn man auf dem Dach des Hotels über den kleinen Pool guckt. Hier oben weht eine kühle Brise, während um einen herum die Megametropole pulsiert. Die Aussicht ist wie ein Blick in die Unendlichkeit. Egal in welche Richtung der Blick schweift, ein Ende der 15-Millionen-Stadt ist nicht in Sicht. Wo fängt man an, Istanbul zu erkunden? Ist nur ein Wochenende Zeit, lässt man sich am besten durch das Viertel Beyoglu treiben. Ein Labyrinth aus Bars, Clubs, Geschäften, Märkten und Cafés, welches das Hotel wie ein Gürtel umschließt.

Still ist es morgens in der Asmali Meselik, einer kleinen Gasse, die nur wenige Schritte vom Hotel entfernt liegt. Nachts ist sie eine der Hauptschlagadern von Beyoglu, tagsüber der beste Ort zum Frühstücken. Im "The House Café" (Asmali Meselik 9) serviert der Kellner Porridge mit Datteln und Erdbeeren, dazu "Summer Tea" mit frischem Ingwer, Limette und Zimt. Drei zottelige Hunde trotten die Straße entlang, vorbei an Graffitiwänden und alten Hausfassaden. Gleich um die Ecke, auf dem Tünel-Platz, baut gerade eine Band ihre Instrumente auf. Die Musiker tragen enge Jeans und Hüte. Als die drei loslegen, klingen sie wie die türkische Version von The Strokes. Laut übertönen sie den Schrottsammler, der seinen Holzkarren vorbeischiebt und nach Altmetall ruft.

Entlang der Fußgängerzone Istiklal Caddesi reihen sich Filialen internationaler Modeketten, wunderschöne alte Buchläden, Cafés und Süßigkeitengeschäfte aneinander. Bei "Haci Bekir" (Istiklal Cd. 83) gibt es den besten Türkischen Honig "Lokum". Ein paar Häuser weiter, im Restaurant "Saray" (Istiklal Cd. 102), die größte Auswahl an türkischen Desserts. Im Schaufenster tropft der Honig von einem meterhohen Baklavaturm hinab - in einer großen Glasvitrine werden Profiteroles, Pudding mit Harzgeschmack und Mandelcreme angeboten. Seit 1935 existiert das dreistöckige Lokal, in dem die Kellner noch immer mit schwarzer Fliege und vornehmer Geste unwiderstehliche Süßigkeiten servieren, die den Blutzuckerspiegel in ungesunde Höhen treiben.

Wer glaubt, er hätte auf der Istiklal Caddesi alles gesehen, was Beyoglu an Geschäften zu bieten hat, irrt. Richtig eindrucksvoll wird es in den Nebenstraßen der großen Fußgängerzone. In der Yenicarsi Caddesi näht die türkische Designerin Nilüfer Karaca maßgeschneiderte Kleider, während eine dicke Katze gemütlich in einem Einkaufswagen voller Bücher schlummert. Auch in ihrem Laden "Antijen" (Yeni Carsie Cd. 9b) schläft eine Katze, hier allerdings auf dem Bügelbrett. An der Wand hängen die Schnittbögen ihrer Kleider, die nach Fertigstellung so aussehen wie von Calvin Klein, aber nur rund 100 Euro kosten. Gleich nebenan liegt der Shop "Lazy", (Yenicarsi Cd. 9a). Im poppigen Schaufenster stehen gelbe Pumps und Budapesterschuhe in Rot-Grün, hängen Kettenanhänger in Form von Kassetten oder Plattenspielern. Im Schmuckladen "Zeckie" (Firuzaga Mah. Hayriye Sk. 18b), etwas weiter die Straße hinunter und dann einmal um die Kurve, scheint der Orient kurz zu enden. Der Schmuck in dem kleinen Geschäft sieht ganz anders aus als die Ketten und Ringe vom Basar. Statt auf die übliche Ornamentik setzen die Designer auf die eckigen Formen des Art déco.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wo man in Beyoglu den besten Blick auf den Bosporus hat und warum schlafen in dem Szeneviertel ein Ding der Unmöglichkeit ist.


 
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